Die Darm-Herz-Kreislauf-Achse bei Hund und Katze
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe, Der Darm und seine Verbindungen zum Körper. Hier schaue ich mir jede einzelne Darm-Achse ganz genau mit dir an.
Dass der Darm auf Verdauung, Immunsystem und sogar Haut und Lunge wirkt, hast du in dieser Reihe schon gesehen. Aber der Darm hat sogar ein Wörtchen beim Herzen mitzureden. Die Darm-Herz-Kreislauf-Achse erklärt, wie die Darmflora über bestimmte Stoffe und über eine undichte Darmwand Herz und Gefäße belasten und den Verlauf einer Herzerkrankung mitbestimmen kann. In dieser Folge zeige ich dir, wie Bauch und Herz zusammenhängen, was dabei schieflaufen kann und warum es sich lohnt, bei Herzpatienten auch den Darm im Blick zu haben.
Der erste Weg: der Stoff TMAO
Der bekannteste Draht zwischen Darm und Herz läuft über einen Stoff mit dem Kürzel TMAO, ausgeschrieben Trimethylamin-N-Oxid. Das klingt sperrig, der Ablauf dahinter ist aber gut zu verstehen.
Bestimmte Darmbakterien bauen Bestandteile aus dem Futter ab, vor allem Cholin und Carnitin, die reichlich in tierischem Eiweiß wie Fleisch und Eiern stecken. Dabei entsteht zunächst eine Vorstufe, die über das Blut zur Leber gelangt und dort zu TMAO umgebaut wird. Dieses TMAO zirkuliert dann im Blut, und in erhöhter Menge ist es ein Problem: Es fördert die Verkalkung und Schädigung der Gefäße, begünstigt Entzündung im Herz-Kreislauf-System und steht in Verbindung mit dem Fortschreiten von Herzerkrankungen.
Entscheidend ist dabei die Darmflora. Ist sie im Gleichgewicht, entstehen nur geringe Mengen dieser Vorstufe. Kippt sie aber und vermehren sich die TMAO-bildenden Bakterien, steigt die Belastung für Herz und Gefäße. Der Darm bestimmt also mit, wie stark das Herz mit diesem Giftstoff zu kämpfen hat.
Der zweite Weg: der undichte Darm belastet das Herz
Der zweite Weg läuft über die Darmbarriere. Ist der Darm gereizt und die Flora gestört, wird die Darmwand durchlässig, das kennst du aus den anderen Folgen als Leaky Gut. Bakterienbestandteile gelangen dann ins Blut und lösen eine ständige, unterschwellige Entzündung im ganzen Körper aus.
Für das Herz ist diese Dauerentzündung eine echte Belastung. Sie greift den Herzmuskel und die Gefäße an und kann das Fortschreiten einer Herzerkrankung beschleunigen. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Hunde mit fortgeschrittener Herzerkrankung Anzeichen für genau diese undichte Darmwand und eine erhöhte Entzündung im Körper aufweisen.
Der dritte Weg: die schützenden Botenstoffe fehlen
Wie bei den anderen Achsen spielen auch hier die kurzkettigen Fettsäuren wie die Buttersäure eine Rolle. Eine gesunde Darmflora bildet sie beim Abbau von Ballaststoffen, und sie wirken entzündungshemmend und unterstützen einen gesunden Blutdruck. Fehlen die Bakterien, die diese Stoffe bilden, fehlt dem Herz-Kreislauf-System dieser natürliche Schutz. Ein gesunder Darm liefert dem Herzen also nicht nur weniger Belastung, sondern auch aktiven Schutz.
Der Teufelskreis bei Herzschwäche
Besonders tückisch wird es, wenn bereits eine Herzschwäche besteht. Denn dann läuft die Achse in beide Richtungen und schaukelt sich auf.
Ein schwaches Herz pumpt das Blut nicht mehr kräftig genug. Dadurch staut sich Blut zurück, auch im Darm, und der Darm wird schlechter durchblutet und versorgt. Ein schlecht versorgter, gestauter Darm wird aber noch undichter, sodass noch mehr Bakterienbestandteile ins Blut gelangen und noch mehr Entzündung entsteht. Diese zusätzliche Entzündung belastet das ohnehin geschwächte Herz weiter, die Herzleistung sinkt, der Darm staut noch mehr, und die Spirale dreht sich weiter.
Fachleute sprechen hier von der Darm-Hypothese der Herzschwäche. Genau deshalb ist es sinnvoll, bei Herzpatienten den Darm nicht zu vergessen, denn er ist Teil des Krankheitsgeschehens, nicht nur ein Zuschauer.
Unterschiede zwischen Hund und Katze
Beim Hund ist diese Achse am besten untersucht, vor allem bei der häufigsten Herzerkrankung des Hundes, der Mitralklappenerkrankung, bei der eine Herzklappe nicht mehr richtig schließt. Studien zeigen, dass die Darmflora bei diesen Hunden zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät, je weiter die Herzerkrankung fortschreitet, und dass der TMAO-Spiegel steigt. Besonders spannend: Diese Veränderungen im Darm zeigen sich zum Teil schon, bevor die eigentliche Herzschwäche ausbricht.
Bei der Katze steht eine andere Herzerkrankung im Vordergrund, die Verdickung des Herzmuskels. Die direkte Studienlage zur Darm-Herz-Achse ist bei der Katze noch dünner, aber die grundlegenden Mechanismen mit TMAO, undichtem Darm und Entzündung gelten auch für sie. Auch bei der Katze lohnt sich also der Blick auf den Darm, wenn das Herz betroffen ist.
Die Rolle der Ernährung
Beim Herzen ist die Fütterung ein besonders naheliegender Hebel, weil TMAO direkt aus Futterbestandteilen entsteht. Über die Zusammensetzung der Nahrung lässt sich mitbeeinflussen, wie viel von den TMAO-Vorstufen überhaupt anfällt und wie es der Darmflora geht.
Gleichzeitig ist beim Herztier Vorsicht geboten, denn viele der genannten Bausteine sind lebenswichtig. Carnitin und Taurin zum Beispiel sind für einen gesunden Herzmuskel unverzichtbar, gerade bei der Katze. Es geht also nie ums pauschale Weglassen, sondern um eine kluge, ausgewogene Fütterung und einen gesunden Darm. Genau deshalb gehört die Ernährung eines Herzpatienten in fachkundige Hände und nicht ins Selbstexperiment.
Diagnostik: Woran erkenne ich, dass diese Achse betroffen ist?
Herz- und Darmdiagnostik ergänzen sich hier:
Die Herzuntersuchung. Dazu gehören das Abhören, der Ultraschall des Herzens, das Röntgen und je nach Fall ein EKG und Blutdruckmessung. So lässt sich die Herzerkrankung selbst einordnen.
Herzspezifische Blutwerte. Bestimmte Marker im Blut zeigen an, ob der Herzmuskel unter Belastung steht.
Der Blick auf den Darm. Weil die Achse in beide Richtungen läuft, lohnt sich bei Herzpatienten der Blick auf die Darmflora. Eine Kotflora-Analyse kann zeigen, ob die Flora aus dem Gleichgewicht ist und ob die schützenden Bakterien fehlen.
Das Blutbild. Es hilft, den allgemeinen Zustand und Zeichen einer Entzündung einzuschätzen.
Ein wichtiger Hinweis: Die Darm-Herz-Achse ersetzt niemals die Behandlung der Herzerkrankung selbst. Herzmedikamente sind bei einer Herzschwäche lebenswichtig und dürfen niemals eigenmächtig weggelassen werden. Der Darm ist ein zusätzlicher, langfristiger Baustein.
Was die aktuelle Forschung sagt
Die Darm-Herz-Kreislauf-Achse ist gerade beim Hund inzwischen gut untersucht:
Studien zeigen, dass bei Hunden mit der häufigen Mitralklappenerkrankung die Darmflora umso stärker aus dem Gleichgewicht gerät, je weiter die Herzerkrankung fortschreitet. Auffällig dabei ist, dass genau das Bakterium abnimmt, das auch die wertvollen sekundären Gallensäuren bildet, während sich TMAO-bildende Keime vermehren. Damit hängt diese Achse eng mit der Darm-Leber-Achse zusammen.
Eine Studie von 2025 fand zudem, dass Hunde mit fortgeschrittener Herzerkrankung deutliche Anzeichen für einen undichten Darm und eine erhöhte Entzündung im Körper zeigen. Das stützt die Idee, dass der gestörte Darm das kranke Herz zusätzlich belastet.
Und besonders wichtig: Mehrere Untersuchungen zeigen, dass sich die Veränderungen im Darm schon andeuten, bevor die eigentliche Herzschwäche ausbricht. Der Darm könnte also nicht nur Mitspieler, sondern auch ein früher Anzeiger sein.
Häufige Fragen zur Darm-Herz-Kreislauf-Achse
Kann der Darm wirklich das Herz beeinflussen?
Ja. Über den Stoff TMAO, über einen undichten Darm und über fehlende schützende Botenstoffe kann die Darmflora Herz und Gefäße belasten und den Verlauf einer Herzerkrankung mitbestimmen.
Mein Hund hat eine Herzerkrankung. Bringt es etwas, auf den Darm zu schauen?
Der Darm kann ein sinnvoller zusätzlicher Baustein sein, weil er das Herz mitbelastet oder entlastet. Er ersetzt aber niemals die Herzbehandlung, die immer tierärztlich geführt gehört.
Soll ich das Fleisch im Futter reduzieren, damit weniger TMAO entsteht?
Bitte nicht auf eigene Faust. Viele der Bausteine wie Taurin und Carnitin sind für das Herz lebenswichtig, gerade bei der Katze. Es geht um eine kluge, ausgewogene Fütterung, nicht ums Weglassen, und das gehört individuell abgestimmt.
Ersetzt die Darmpflege die Herzmedikamente?
Nein, auf keinen Fall. Herzmedikamente sind bei einer Herzschwäche lebenswichtig. Der Darm ist eine langfristige Unterstützung, niemals ein Ersatz.
Mein Fazit
Die Darm-Herz-Kreislauf-Achse zeigt, dass selbst das Herz mit dem Darm verbunden ist. Über den Stoff TMAO, über eine undichte Darmwand und über fehlende schützende Botenstoffe kann ein gestörter Darm Herz und Gefäße belasten, und bei bestehender Herzschwäche kann sich das im Teufelskreis sogar aufschaukeln. Für mich heißt das, bei Herzpatienten den Darm als zusätzlichen Baustein mitzudenken, immer ergänzend zur nötigen tierärztlichen Herzbehandlung. Denn ein gesunder Darm nimmt dem Herzen Last ab.
Quellen
Jugan MC, Rands GA, Steiner JM, et al. Dogs with advanced myxomatous mitral valve disease have evidence of gastrointestinal bacterial translocation and systemic inflammation. PLOS One. 2025;20(11):e0337580. doi:10.1371/journal.pone.0337580
Li Q, Larouche-Lebel É, Loughran KA, Huh TP, Suchodolski JS, Oyama MA. Gut dysbiosis and its associations with gut microbiota-derived metabolites in dogs with myxomatous mitral valve disease. mSystems. 2021;6(2):e00111-21. doi:10.1128/mSystems.00111-21
Metabolomics analysis reveals deranged energy metabolism and amino acid metabolic reprogramming in dogs with myxomatous mitral valve disease. Journal of the American Heart Association. 2021
Metabolic reprogramming, gut dysbiosis, and nutrition intervention in canine heart disease. Frontiers in Veterinary Science. 2022
The gut microbiome in dogs with congestive heart failure, a pilot study. 2020. PMC7426839