Hund und Katze trinken viel Nierenerkrankung/ Darm

Die Darm-Nieren-Achse bei Hund & Katze

Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe → Der Darm und seine Verbindungen zum Körper. Hier schaue ich mir jede einzelne Darm-Achse ganz genau mit dir an.

Wenn ich an eine Achse denke, die im Praxisalltag besonders unterschätzt wird, dann ist es diese. Denn dass der Darm und die Nieren eng zusammenarbeiten, wissen die wenigsten. Dabei ist gerade bei nierenkranken Tieren, allen voran bei Katzen, der Darm ein entscheidender Mitspieler.

Die Darm-Nieren-Achse erklärt, warum der Darm den Verlauf einer Nierenerkrankung mitbestimmen kann. In dieser Folge zeige ich dir, wie dieser Zusammenhang funktioniert, was dabei schiefläuft und woran man ansetzen kann.

Der Darm als „Müllproduzent" des Körpers

Im Darm werden Nahrungsbestandteile aufgeschlossen und dem Körper zugänglich gemacht. Dabei entstehen Abbauprodukte, die den Körper wieder verlassen müssen. Ein Teil davon geht direkt über den Kot ab, quasi der „Müll", der hinten wieder rauskommt. Das ist soweit bekannt.

Es gibt aber auch Abbauprodukte, die einen längeren Weg nehmen: Sie entstehen im Darm, werden in der Leber weiterverarbeitet und müssen anschließend über die Nieren ausgeschieden werden. Und genau diese Stoffe können giftig sein, für die Nieren und für andere Organe. Man nennt sie Urämietoxine: giftige, stickstoffhaltige, harnpflichtige Substanzen, die für die sogenannte Urämie und für Nierenschäden mitverantwortlich sind.

Wie aus Futter Urämietoxine werden

Das Spannende ist, wo diese Giftstoffe herkommen: Sie entstehen zu einem großen Teil durch die Arbeit der Darmbakterien. Bestimmte Bakterien im Dickdarm sind darauf spezialisiert, Eiweißbausteine abzubauen, und bilden daraus Vorstufen, die in der Leber zu den eigentlichen Urämietoxinen umgebaut werden.

Die Darmflora hat also über die Produktion dieser Vorstufen einen direkten Einfluss darauf, wie viele solcher Giftstoffe überhaupt anfallen. Das ist der Kern der Darm-Nieren-Achse: Was im Darm passiert, entscheidet mit, wie stark die Nieren belastet werden.

Ein wichtiges Detail gerade für Katzenhalter: Der Eiweißbaustein Tryptophan, aus dem ein Teil dieser Giftstoffe entsteht, steckt in viel Fleisch. Als reiner Fleischfresser nimmt die Katze also von Natur aus besonders viel davon auf und bildet entsprechend viele Vorstufen. Gleichzeitig ist Tryptophan für die Katze lebensnotwendig und darf im Futter nicht fehlen. Genau deshalb stößt der Ansatz, einfach das Eiweiß zu reduzieren, bei der Katze schnell an seine Grenzen. Dazu später mehr.

Trockenfutter schlecht für Niere Leber und Darm

Die drei großen Urämietoxine

Urämietoxine sind kein einzelner Stoff, sondern eine ganze Gruppe. Drei davon entstehen im Darm und gelten als besonders bedeutsam, jedes mit seinem eigenen Schwerpunkt. Bei Katzen mit Nierenerkrankung sind alle drei nachweislich erhöht.

 

Indoxylsulfat

Der Nierentreiber – entsteht aus dem Eiweißbaustein Tryptophan

  • schädigt die Nieren direkt und treibt den narbigen Umbau des Nierengewebes voran
  • fördert Bluthochdruck, der die Nieren zusätzlich belastet
  • begünstigt die Blutarmut (Anämie)
  • fördert den Muskelabbau
  • beeinflusst den Knochen- und Phosphatstoffwechsel ungünstig
  • ist zugleich messbarer Verlaufsmarker und aktiver Mittäter

 

p-Kresylsulfat

Der Herz-Gefäß-Belaster – entsteht aus den Eiweißbausteinen Tyrosin und Phenylalanin

  • erzeugt oxidativen Stress im Körper
  • schädigt die Gefäßwände
  • belastet den Herzmuskel
  • gilt als Warnzeichen für einen ungünstigen Verlauf von Nieren und Herz-Kreislauf-System
  • trägt zum Fortschreiten der Nierenerkrankung bei

TMAO (Trimethylamin-N-Oxid)

Der Kreislauf-Faktor – entsteht aus Cholin und Carnitin (v. a. aus tierischem Eiweiß)

  • reichert sich bei nachlassender Nierenfunktion im Blut an
  • wird mit dem Fortschreiten der Nierenerkrankung in Verbindung gebracht
  • belastet das Herz-Kreislauf-System
  • steigt bei Katzen schon mit dem Alter an – ein möglicher Frühhinweis auf nachlassende Nierenleistung

Alle drei greifen an unterschiedlichen Stellen an Niere, Gefäße, Kreislauf , haben aber denselben Ursprung im Darm. Wer die Bildung dieser Stoffe im Darm senkt, entlastet also gleich mehrere Organe auf einmal.

Solange die Nieren gesund sind, ist alles gut

Bei einem gesunden Tier ist das alles kein Problem. Die Urämietoxine werden zuverlässig über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden und verlassen so den Körper, bevor sie Schaden anrichten können. Das System ist im Gleichgewicht.

Kritisch wird es erst, wenn die Nierenfunktion nachlässt, typischerweise beim älter werdenden Tier. Dann können die Nieren die Giftstoffe nicht mehr ausreichend herausfiltern. Nachschub wird aber weiter gebildet, denn das Tier muss ja weiter fressen. Die Urämietoxine bleiben also im Körper, reichern sich zuerst im Blut und dann in Organen und Geweben an. Und jetzt beginnt der Schaden.

Der Teufelskreis

Und jetzt kommt der Punkt, der die Darm-Nieren-Achse so tückisch macht, ein sich selbst verstärkender Kreislauf:

Die angereicherten Giftstoffe verändern die Darmflora und fördern gezielt jene Bakterien, die Eiweiß abbauen und noch mehr Urämietoxin-Vorstufen bilden. Gleichzeitig schädigt Indoxylsulfat die Darmbarriere, die Darmwand wird durchlässiger (Leaky Gut). Dadurch entsteht nicht nur mehr Vorstufe, es wird durch die undichte Barriere auch noch mehr davon ins Blut aufgenommen.

Mehr Giftstoffe belasten die Nieren stärker, die Nierenfunktion sinkt weiter, das Darmmilieu verschlechtert sich noch mehr, noch mehr Vorstufen entstehen, und so dreht sich die Spirale immer weiter. Genau deshalb sind bei nierenkranken Tieren auch Verdauungsprobleme wie Fressunlust, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung so häufig: Sie sind oft Ausdruck genau dieser gestörten Darm-Nieren-Achse.

Und genau hier liegt die Chance: Wer am Darm ansetzt, kann diesen Kreislauf durchbrechen, statt nur der Niere hinterherzulaufen.

Unterschiede zwischen Hund und Katze

Diese Achse ist vor allem bei der Katze ein Riesenthema. Die chronische Nierenerkrankung gehört zu den häufigsten Alterserkrankungen der Katze überhaupt, kaum ein anderes Leiden begegnet mir in der Seniorenberatung so oft. Dazu kommt der eben erwähnte Punkt: Als Fleischfresser nimmt die Katze viel Tryptophan auf und bildet entsprechend viele Vorstufen. Entsprechend relevant ist bei ihr jeder Hebel, der die Nieren entlasten kann, und der Darm ist einer der wichtigsten. Bei Katzen mit Nierenerkrankung sind die gut-bürtigen Urämietoxine nachweislich deutlich erhöht.

Beim Hund kommt die chronische Nierenerkrankung seltener und oft in anderen Zusammenhängen vor, aber der Mechanismus ist derselbe: Auch beim Hund sagt der Spiegel bestimmter Urämietoxine etwas über das Fortschreiten der Erkrankung aus.

Diagnostik: Woran erkenne ich, dass diese Achse betroffen ist?

Hier arbeiten Nieren- und Darmdiagnostik zusammen:

Die klassischen Nierenwerte im Blut. Kreatinin und Harnstoff gehören dazu, ganz wichtig ist heute zusätzlich der SDMA-Wert, der eine nachlassende Nierenfunktion oft früher anzeigt als Kreatinin. Dazu kommen der Phosphatwert und ein Blick auf die Urinkonzentration.

Indoxylsulfat als moderner Verlaufsmarker. Das ist der spannende Zusatz: Indoxylsulfat lässt sich im Blut messen, und im Gegensatz zu Kreatinin und SDMA kann es zeigen, ob eine Behandlung die Urämie tatsächlich senkt. Es eignet sich damit gut, um den Verlauf und den Erfolg von Maßnahmen zu beurteilen. Weil die Werte individuell schwanken, ist dabei die Beobachtung über die Zeit wichtiger als ein einzelner Wert.

Ein Blick auf Phosphat und Knochenstoffwechsel. In der modernen Nierendiagnostik gibt es außerdem den Marker FGF-23, der den Phosphat- und Knochenstoffwechsel abbildet. Er ist kein Frühwarnzeichen, hilft aber einzuschätzen, ob die Phosphatkontrolle ausreicht, ein Thema für die tierärztliche Verlaufsbetreuung.

Die Nieren nicht isoliert sehen. Gerade weil die Darm-Nieren-Achse existiert, lohnt sich bei einem Nierentier immer auch der Blick auf den Darm: Wie steht es um die Verdauung, gibt es Zeichen einer Dysbiose, wird das Eiweiß gut verwertet? Eine Kotflora-Analyse kann zeigen, ob die Darmflora in eine ungünstige, toxinbildende Richtung gekippt ist.

Der Blick nach vorn. Besonders spannend: Neuere Forschung zeigt, dass sich die gestörte Verarbeitung dieser Giftstoffe schon Monate vor der eigentlichen Nierendiagnose bemerkbar machen kann, ein starkes Argument dafür, bei Risikotieren (vor allem älteren Katzen) früh und regelmäßig zu kontrollieren.

Wo man ansetzen kann

Ohne dir hier konkrete Produkte zu empfehlen, das gehört immer individuell abgestimmt, lohnt es sich zu wissen, an welchen Stellschrauben die Darm-Nieren-Achse überhaupt gedreht werden kann:

  • An der Ernährung: Eine bedarfsgerecht angepasste Eiweißmenge und -qualität kann die Bildung von Vorstufen verringern. Bei der Katze ist das eine Gratwanderung, weil Eiweiß und Tryptophan lebensnotwendig sind, deshalb gehört das in fachkundige Hände und nicht ins Selbstexperiment.
  • An der Darmflora: Ein gesundes, ausgewogenes Mikrobiom bildet weniger ungünstige Vorstufen.
  • An der Bindung im Darm: Es gibt Adsorber-Ansätze, die die Vorstufen der Urämietoxine bereits im Darm binden und über den Kot abführen, sodass daraus gar kein Giftstoff mehr entstehen kann. Solche Wege werden in der Nierenmedizin zunehmend genutzt, welcher im Einzelfall passt, entscheidet die tierärztliche Betreuung.

Häufige Fragen zur Darm-Nieren-Achse

Meine Katze hat eine Nierenerkrankung, warum sollte ich auf den Darm schauen?
Weil ein großer Teil der Giftstoffe, die die Nieren belasten, im Darm entsteht. Ein gut arbeitender Darm mit ausgeglichener Flora produziert weniger dieser Stoffe und entlastet damit die Nieren. Der Darm ist also ein wichtiger Mitspieler, nicht nur ein Nebenschauplatz.

Bedeutet das, ich soll das Eiweiß im Futter einfach streichen?
Nein, bitte nicht auf eigene Faust. Eiweiß und der Baustein Tryptophan sind lebenswichtig, gerade für die Katze. Es geht nicht ums Weglassen, sondern um die passende Menge und Qualität und um einen gut funktionierenden Darm, und das gehört individuell abgestimmt.

Kann man die Urämietoxine messen?
Ja, Indoxylsulfat lässt sich in spezialisierten Labors bestimmen und eignet sich gut zur Verlaufskontrolle. Im Alltag stützt man sich zusätzlich auf die etablierten Nierenwerte (SDMA, Kreatinin, Harnstoff, Phosphat).

Warum hat mein Nierentier auch Verdauungsprobleme?
Weil die Darm-Nieren-Achse in beide Richtungen wirkt: Die angereicherten Giftstoffe stören die Darmflora und die Darmbarriere. Fressunlust, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung sind deshalb häufige Begleiter der Nierenerkrankung.

Mein Fazit

Die Darm-Nieren-Achse zeigt eindrücklich, dass die Nieren nie isoliert zu betrachten sind. Ein großer Teil der Giftstoffe, die kranke Nieren belasten, entsteht im Darm, und über einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis kann eine gestörte Darmflora den Verlauf einer Nierenerkrankung beschleunigen. Für mich heißt das, gerade bei meinen Nierenpatienten (und das sind sehr oft Katzen) den Darm konsequent mitzudenken. Denn wer den Darm ins Gleichgewicht bringt, nimmt den Nieren Arbeit ab.

Quellen

  • Van Mulders L, Vanden Broecke E, De Paepe E, Mortier F, Vanhaecke L, Daminet S. Alterations in gut-derived uremic toxins before the onset of azotemic chronic kidney disease in cats. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2025;39(1):e17289. doi:10.1111/jvim.17289
  • Van Mulders L, et al. Insights into the gut-kidney axis and implications for chronic kidney disease management in cats and dogs. 2024. doi:10.1016/j.tcam.2024.100889
  • Metabolomics reveals alterations in gut-derived uremic toxins and tryptophan metabolism in feline chronic kidney disease. 2025. PMC11703532
  • Impaired renal transporter gene expression and uremic toxin excretion as aging hallmarks in cats with naturally occurring chronic kidney disease. 2025. PMC11723653
  • Chen CN, et al. Plasma indoxyl sulfate concentration predicts progression of chronic kidney disease in dogs and cats. The Veterinary Journal. 2018;232:33-41. doi:10.1016/j.tvjl.2017.12.011
  • von Luckner J, Manukyan K. FGF-23 und Indoxylsulfat in der Nierendiagnostik bei Hund und Katze. Just4Vets / Laboklin. 2026