Die Darm-Lungen-Achse bei Hund & Katze

Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe, Der Darm und seine Verbindungen zum Körper. Hier schaue ich mir jede einzelne Darm-Achse ganz genau mit dir an.

Dass der Darm etwas mit der Verdauung zu tun hat, leuchtet jedem ein. Dass er aber auch die Atemwege beeinflusst, überrascht die meisten. Genau das ist die Darm-Lungen-Achse. Sie erklärt, warum eine gesunde Darmflora die Lunge schützt und warum ein gestörter Darm Atemwegsprobleme wie Katzenasthma oder chronischen Husten begünstigen kann. In dieser Folge zeige ich dir ganz genau, wie Bauch und Lunge miteinander sprechen, was dabei Schritt für Schritt schieflaufen kann und woran man erkennt, dass die Atemwege in Wahrheit auch ein Darmthema sind.

Zwei Organe, dasselbe Grundprinzip

Auf den ersten Blick liegen Darm und Lunge weit auseinander. Bei genauem Hinsehen sind sie sich aber erstaunlich ähnlich. Beide sind große Schleimhautflächen, über die der Körper unmittelbar mit der Außenwelt in Kontakt steht. Der Darm nimmt die Nahrung auf, die Lunge die Atemluft. Und beide müssen dabei pausenlos zwischen harmlos und gefährlich unterscheiden, denn mit jedem Bissen und jedem Atemzug strömen fremde Stoffe herein.

Beide Flächen tragen dafür ein eigenes Immunsystem. Und beide haben, das wissen die wenigsten, ihre eigene Bakterienwelt. Auch die Lunge besitzt ein eigenes, wenn auch viel kleineres und dünner besiedeltes Mikrobiom als der Darm. Lange galt die Lunge als steril, heute weiß man, dass auch dort Bakterien leben, die im Gleichgewicht schützen und im Ungleichgewicht Probleme machen.

Der entscheidende Punkt ist: Diese beiden Schleimhäute arbeiten nicht getrennt, sondern sind Teil eines gemeinsamen Abwehrsystems des Körpers. Was an der einen Schleimhaut gelernt wird, wird an die andere weitergegeben. Und in diesem Zusammenspiel gibt der Darm den Ton an, weil dort die mit Abstand größte Bakterienwelt und der größte Teil der Abwehr sitzen.

Der erste Weg: wandernde Abwehrzellen

Der wichtigste Draht vom Darm zur Lunge läuft über das Immunsystem, und zwar konkret über wandernde Abwehrzellen.

Im Darm werden die Immunzellen von der Darmflora ausgebildet. Das Besondere: Diese geschulten Zellen bleiben nicht am Ort. Sie wandern über Blut und Lymphsystem in andere Schleimhäute des Körpers, auch in die Lunge, und nehmen ihr im Darm erworbenes Wissen mit. Man kann sich das wie eine gemeinsame Ausbildungsschule vorstellen: Im Darm werden die Wachleute geschult, und ein Teil von ihnen wird anschließend zum Dienst in die Lunge versetzt.

Zu diesen Zellen gehören auch die beruhigenden, regulatorischen Abwehrzellen, die dafür sorgen, dass die Immunabwehr nicht bei jedem harmlosen Reiz überreagiert. Eine gesunde Darmflora bildet genug von diesen Bremser-Zellen aus, und sie sorgen dann auch in der Lunge für Ruhe. Ist die Darmflora aber gestört, fehlen diese beruhigenden Zellen. Die Lunge verliert ihre Bremse, reagiert übertrieben auf eigentlich harmlose Reize wie Staub oder Pollen und entzündet sich.
Genau das ist die Grundlage des allergischen Asthmas.

Der zweite Weg: die Botenstoffe aus dem Darm

Der zweite Weg läuft über die Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, allen voran die kurzkettigen Fettsäuren wie die Buttersäure. Diese entstehen im Darm beim Abbau von Ballaststoffen, bleiben aber nicht dort. Sie gelangen über das Blut in den ganzen Körper und wirken auch in der Lunge.

Dort haben sie eine doppelte Aufgabe. Zum einen dämpfen sie überschießende Entzündungen direkt in den Atemwegen. Zum anderen wirken sie sogar bis ins Knochenmark, wo die Abwehrzellen gebildet werden, und beeinflussen dort, dass mehr beruhigende und weniger entzündungsfördernde Zellen entstehen. Eine gesunde, fasernutzende Darmflora versorgt die Lunge also ständig mit natürlichen Entzündungshemmern. Fehlen die Bakterien, die diese Stoffe bilden, fehlt der Lunge dieser Schutz, und sie entzündet sich leichter.

Der dritte Weg: die undichte Barriere

Auch hier spielt die Darmbarriere mit. Ist der Darm gereizt und die Flora gestört, wird die Darmwand durchlässig, man nennt das Leaky Gut. Bakterienbruchstücke gelangen ins Blut und lösen eine ständige, unterschwellige Entzündung im ganzen Körper aus. Diese stille Dauerentzündung macht auch die Atemwege empfindlicher und reaktionsfreudiger. Ein undichter Darm hält also den ganzen Körper, und damit auch die Lunge, in einem Zustand erhöhter Entzündungsbereitschaft.

Die Achse läuft in beide Richtungen

Wichtig zu verstehen: Die Darm-Lungen-Achse ist keine Einbahnstraße. Nicht nur der Darm wirkt auf die Lunge, auch die Lunge wirkt zurück auf den Darm. Bei einer schweren Atemwegsentzündung verändert sich messbar auch die Darmflora. Und ein ganz praktischer Weg kommt dazu: Sekret aus den Atemwegen wird oft verschluckt und gelangt so in den Verdauungstrakt, wo es die Darmflora mitprägen kann. Beide Organe schaukeln sich also gegenseitig hoch oder beruhigen sich gemeinsam.

Die frühe Prägung entscheidet mit

Ein besonders spannender Punkt betrifft die ersten Lebenswochen. In dieser Zeit wird der Körper zum ersten Mal von Bakterien besiedelt, und genau diese frühe Besiedlung prägt, wie das Immunsystem später reagiert, auch das der Lunge. Tiere, die in dieser prägenden Phase eine gesunde, vielfältige Darmflora aufbauen, haben später oft ein stabileres, weniger überschießendes Immunsystem. Eine gestörte frühe Prägung dagegen kann die Weichen in Richtung Allergie und überempfindliche Atemwege stellen. Das erklärt, warum die Grundlagen für spätere Atemwegsprobleme oft schon im Welpen- oder Kittenalter gelegt werden.

Was passiert, wenn die Achse gestört ist

Gerät die Darm-Lungen-Achse aus dem Takt, zeigt sich das an den Atemwegen in mehreren Bildern:

Überempfindliche, entzündete Atemwege. Ähnlich wie bei der Haut kann ein falsch eingestelltes Immunsystem in der Lunge überreagieren. Es entsteht eine chronische Entzündung der unteren Atemwege, wie man sie beim Katzenasthma sieht, mit Husten, pfeifender Atmung und Atemnot.

Häufigere und hartnäckigere Infekte. Ist die Immunabwehr der Lunge geschwächt, fassen Krankheitserreger leichter Fuß, und Atemwegsinfekte kommen häufiger oder heilen schlechter ab.

Ein Zusammenhang mit chronischen Darmerkrankungen. Auffällig ist, dass Tiere mit chronischen Darmerkrankungen gehäuft auch Atemwegsprobleme haben.
Beide Schleimhäute sind eben eng verbunden, und leidet die eine, leidet oft auch die andere.

Der Teufelskreis aus Infekt und Antibiotika

Wie bei der Haut kann auch hier ein Kreislauf entstehen. Ein Atemwegsinfekt wird oft mit Antibiotika behandelt. Das ist manchmal nötig, schädigt aber gleichzeitig die Darmflora. Eine geschwächte Darmflora bedeutet aber wieder eine schlechter eingestellte Lungenabwehr, was den nächsten Infekt begünstigt, der dann erneut behandelt wird. So kann sich ein Tier von Infekt zu Infekt hangeln, während die eigentliche Ursache, die geschwächte Abwehr, im Hintergrund weiterbesteht.
Deshalb ist es sinnvoll, nach einer nötigen Antibiotikagabe die Darmflora gezielt wieder aufzubauen.

Unterschiede zwischen Hund und Katze

Bei der Katze ist das große Thema dieser Achse das Katzenasthma. Diese chronische, allergisch bedingte Entzündung der unteren Atemwege ist bei Katzen recht häufig und zeigt sich durch Husten, pfeifende Atmung und teils bedrohliche Atemnot-Anfälle. In der Lunge sammeln sich dabei bestimmte Entzündungszellen an, ganz ähnlich wie bei einer Allergie. Und genau hier gibt es inzwischen tiermedizinische Studien, die zeigen, dass sich bei asthmatischen Katzen die Zusammensetzung der Darmflora messbar verschiebt: Bestimmte günstige Bakteriengruppen nehmen ab, während ungünstigere zunehmen. Die Katze ist damit ein Paradebeispiel dafür, dass die Darm-Lungen-Achse kein reines Menschenthema ist.

Beim Hund stehen andere Bilder im Vordergrund, etwa die chronische Bronchitis, wiederkehrende Atemwegsinfekte oder der bekannte Zwingerhusten.
Auch hier gilt: Eine gesunde Darmflora unterstützt die Abwehr der Atemwege und kann helfen, dass Infekte besser überstanden werden und seltener wiederkommen.

Diagnostik: Woran erkenne ich, dass diese Achse betroffen ist?

Atemwegsprobleme gehören immer gründlich abgeklärt, denn die Ursachen sind vielfältig:

Die Atemwege selbst untersuchen. Dazu gehören die gründliche Abhorchuntersuchung, bildgebende Verfahren wie Röntgen und bei Bedarf eine Spiegelung der Atemwege mit Probenentnahme. So lässt sich einordnen, ob eine Entzündung, ein Infekt oder Asthma vorliegt.

Allergien und Auslöser bedenken. Gerade beim Katzenasthma spielen Reizstoffe aus der Umgebung eine Rolle, etwa Staub, Rauch, Duftsprays oder stark stäubendes Katzenstreu. Diese gehören mit in den Blick, oft lohnt es sich, sie konsequent zu meiden.

Der Blick auf die Darmflora. Weil die Achse in beide Richtungen läuft, lohnt sich bei chronischen Atemwegspatienten auch der Blick auf den Darm. Eine Kotflora-Analyse kann zeigen, ob die Darmflora aus dem Gleichgewicht ist und ob die entzündungshemmenden Bakterien fehlen.

Das Blutbild. Es hilft, den allgemeinen Zustand und Zeichen einer Entzündung einzuschätzen.

Ein wichtiger Hinweis von mir: Die Darm-Lungen-Achse ersetzt niemals die Behandlung der Atemwege selbst. Ein Asthma-Anfall mit Atemnot ist ein Notfall und gehört sofort tierärztlich versorgt. Der Darm ist ein zusätzlicher, langfristiger Baustein, kein Ersatz für die akute Behandlung.

Die Rolle der Ernährung

Auch bei den Atemwegen ist die Fütterung ein Hebel, wenn auch ein indirekter. Das Futter entscheidet über die Ballaststoffe, aus denen die guten Bakterien ihre entzündungshemmende Buttersäure bilden, also genau den Stoff, der bis in die Lunge wirkt. Eine Fütterung, die eine gesunde, vielfältige Darmflora unterstützt, kommt damit indirekt auch den Atemwegen zugute. Bei allergisch bedingten Atemwegsproblemen kann außerdem, ähnlich wie bei der Haut, eine mögliche Futterunverträglichkeit eine Rolle spielen. Welche Fütterung im Einzelfall passt, gehört individuell abgestimmt.

Was die aktuelle Forschung sagt

Die Darm-Lungen-Achse ist ein junges, aber schnell wachsendes Forschungsfeld, und gerade 2025 und 2026 ist viel dazugekommen:

Mehrere aktuelle Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2025 und 2026 bestätigen, dass die Darmflora über wandernde Immunzellen und über ihre Botenstoffe die Immunabwehr der Lunge steuert und dass eine gestörte Darmflora Atemwegsentzündungen wie Asthma begünstigt.

Besonders wichtig für uns: Eine tiermedizinische Studie an Katzen zeigte, dass sich bei asthmatischen Katzen die Zusammensetzung der Darmflora deutlich verändert, verglichen mit gesunden Tieren. Damit ist die Darm-Lungen-Achse auch bei unseren Haustieren belegt, nicht nur beim Menschen.

Und im Tiermodell konnte man sogar zeigen, dass eine Wiederherstellung der gesunden Darmflora die gestörte Bakterienwelt der Atemwege verbessern und die Entzündung in der Lunge dämpfen kann. Das unterstreicht, wie eng beide Organe zusammenhängen und dass der Darm ein echter Ansatzpunkt ist.

Häufige Fragen zur Darm-Lungen-Achse

Kann ein Darmproblem wirklich die Atmung beeinflussen?
Ja, indirekt. Der Darm stellt über wandernde Immunzellen und über seine Botenstoffe die Abwehr der Lunge mit ein. Ist er aus dem Gleichgewicht, werden die Atemwege empfindlicher und anfälliger.

Meine Katze hat Asthma. Bringt es etwas, auf den Darm zu schauen?
Der Darm kann ein sinnvoller zusätzlicher Baustein sein, weil er die Entzündungsneigung der Atemwege mit beeinflusst. Er ersetzt aber niemals die eigentliche Asthma-Behandlung, die immer tierärztlich geführt gehört.

Warum bekommt mein Hund immer wieder Atemwegsinfekte?
Wiederkehrende Infekte können ein Zeichen für eine geschwächte Abwehr sein, und der Darm ist dabei ein wichtiger Mitspieler. Ein Blick auf die Darmflora kann sich lohnen, natürlich zusätzlich zur Abklärung der Atemwege selbst.

Warum sollte ich nach einer Antibiotika-Kur den Darm aufbauen?
Weil Antibiotika neben den Erregern auch die schützende Darmflora treffen. Da diese Flora die Lungenabwehr mit einstellt, hilft ein gezielter Wiederaufbau, den Kreislauf aus Infekt und erneuter Anfälligkeit zu durchbrechen.

Ersetzt die Darmpflege meine Asthma-Medikamente?
Nein, auf keinen Fall. Bei Atemnot geht immer die schnelle tierärztliche Behandlung vor. Der Darm ist eine langfristige Unterstützung, kein Ersatz für Notfallmedikamente.

Mein Fazit

Die Darm-Lungen-Achse zeigt, dass sogar die Atmung mit dem Darm zusammenhängt. Über wandernde Immunzellen, über entzündungshemmende Botenstoffe und über die Barriere stellt der Darm die Abwehr der Lunge mit ein. Ein gesunder Darm bedeutet also robustere, weniger reizbare Atemwege, ein gestörter Darm empfindlichere. Für mich heißt das, bei chronischen Atemwegspatienten, allen voran Asthma-Katzen, den Darm als zusätzlichen Baustein mitzudenken, immer ergänzend zur nötigen tierärztlichen Behandlung der Atemwege.

Quellen

Vientós-Plotts AI, Ericsson AC, Reinero CR, et al. Temporal changes of the respiratory microbiota as cats transition from health to experimental acute and chronic allergic asthma. Frontiers in Veterinary Science. 2022. PMC9453837

Vientós-Plotts AI, Ericsson AC, Reinero CR. The respiratory microbiota and its role in the gut-lung axis in dogs and cats. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2023

Gut microbiota dysbiosis and the gut-lung axis: links to asthma and its common comorbidities. PeerJ. 2026;14:e20960. doi:10.7717/peerj.20960

The gut-lung axis: effects and mechanisms of gut microbiota on pulmonary diseases. Frontiers in Immunology. 2026;16. doi:10.3389/fimmu.2025.1693964

Role of the gut-lung microbiome axis in airway inflammation in OVA-challenged mice and the effect of azithromycin. Journal of Inflammation Research. 2025;18:2661-2676