Die Darm-Muskel-Achse bei Hund und Katze

Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe, Der Darm und seine Verbindungen zum Körper. Hier schaue ich mir jede einzelne Darm-Achse ganz genau mit dir an.

Kräftige Muskeln bedeuten Beweglichkeit, Kraft und Lebensqualität, gerade beim älter werdenden Tier. Was aber kaum jemand weiß: Ob die Muskeln stark bleiben oder abbauen, entscheidet sich zu einem großen Teil im Darm. Denn Muskeln brauchen die richtigen Baustoffe und die richtigen Signale, und beides hängt eng mit einer gesunden Darmflora zusammen. In dieser Folge zeige ich dir, wie Bauch und Muskeln zusammenarbeiten, warum ein gestörter Darm Muskeln kosten kann und warum das besonders beim Senior und beim chronisch kranken Tier wichtig ist.

Muskeln brauchen Bausteine und Signale

Muskeln sind kein starres Gebilde, sondern werden ständig auf- und abgebaut, ganz ähnlich wie die Knochen aus der letzten Folge. Damit unterm Strich genug Muskel erhalten bleibt, braucht der Körper zwei Dinge. Erstens Baustoffe, also die Eiweißbausteine aus dem Futter, die sogenannten Aminosäuren. Zweitens die richtigen Signale, die dem Körper sagen, dass er Muskeln aufbauen und erhalten soll. Und bei beidem redet der Darm entscheidend mit.

Der erste Weg: die Verwertung von Eiweiß

Muskeln bestehen zum großen Teil aus Eiweiß, und dieses Eiweiß muss aus dem Futter erst einmal aufgeschlossen und aufgenommen werden. Genau das ist die Aufgabe des Darms. Er zerlegt das Futtereiweiß in seine Bausteine und schleust sie in den Körper, wo sie für den Muskelaufbau bereitstehen.

Ist der Darm gesund, funktioniert das gut, und die Muskeln bekommen reichlich Nachschub. Ist der Darm aber krank oder die Flora gestört, wird das Eiweiß schlechter verwertet, und es kommen weniger Bausteine bei den Muskeln an. Interessant ist, dass bestimmte Darmbakterien die Menge der verfügbaren Aminosäuren sogar mit erhöhen. Eine gute Darmflora hilft also aktiv dabei, dass mehr Baustoff für die Muskeln zur Verfügung steht.

Der zweite Weg: die Buttersäure als Energie und Schutz

Auch bei den Muskeln spielen die kurzkettigen Fettsäuren eine große Rolle, allen voran wieder die Buttersäure. Gesunde Darmbakterien bilden sie aus Ballaststoffen, und sie ist für die Muskeln gleich doppelt wertvoll. Zum einen liefert sie Energie und verbessert die Ausdauer, zum anderen wirkt sie entzündungshemmend und hilft, den Muskelabbau zu bremsen.

In Versuchen hat sich gezeigt, dass Tiere mit einer gestörten Darmflora und wenig dieser Fettsäuren schneller ermüden, und dass sich die Ausdauer verbessert, sobald die Fettsäuren wieder da sind. Eine gesunde Flora versorgt die Muskeln also mit Energie und Schutz zugleich.

Der dritte Weg: die stille Entzündung baut Muskeln ab

Wie bei den anderen Achsen ist auch hier die undichte Darmbarriere ein Problem. Ist der Darm gereizt und durchlässig, gelangen Bakterienbestandteile ins Blut und lösen eine ständige, unterschwellige Entzündung aus. Diese stille Dauerentzündung ist einer der Hauptmotoren für Muskelabbau. Sie sorgt dafür, dass mehr Muskel abgebaut als aufgebaut wird, und sie führt dazu, dass der Muskel auf das Eiweiß aus dem Futter schlechter anspricht. Der Körper bekommt zwar Baustoffe, kann sie aber nicht mehr richtig nutzen. Dieses Phänomen ist ein wichtiger Grund, warum gerade alte oder chronisch kranke Tiere trotz gutem Futter an Muskeln verlieren.

Die Achse läuft in beide Richtungen

Spannend ist, dass diese Verbindung keine Einbahnstraße ist. Nicht nur der Darm wirkt auf die Muskeln, auch Bewegung und Muskelarbeit wirken zurück auf den Darm. Regelmäßige, angemessene Bewegung fördert eine gesunde, vielfältige Darmflora. Ein aktives Tier tut damit auch seinem Darm etwas Gutes, und ein gesunder Darm hält wiederum die Muskeln kräftig. Beide unterstützen sich gegenseitig.

Der Teufelskreis im Alter

Genau daraus kann im Alter ein Teufelskreis werden. Ein gestörter Darm führt zu Muskelabbau. Weniger Muskeln bedeuten weniger Kraft und weniger Bewegung. Weniger Bewegung verschlechtert wiederum die Darmflora. Und die schlechtere Flora treibt den Muskelabbau weiter an. So kann ein Tier langsam immer schwächer werden, wobei sich Darm und Muskeln gegenseitig nach unten ziehen. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, mit gutem Futter, gesunder Darmflora und angemessener Bewegung, ist gerade beim Senior enorm wichtig.

Was passiert, wenn die Achse gestört ist

Wenn Darm und Muskeln aus dem Takt geraten, zeigt sich das vor allem in diesen Situationen.

Beim alten Tier. Mit dem Alter verlieren Hunde und Katzen ganz natürlich an Muskelmasse. Ein gestörter Darm beschleunigt diesen Abbau. Man sieht es an der schwindenden Bemuskelung, oft zuerst an der Rückenlinie und an den Hinterbeinen.

Bei chronischen Erkrankungen. Bei Krankheiten wie einer chronischen Nieren- oder Herzerkrankung baut der Körper oft stark Muskeln ab, man nennt das Kachexie. Auch hier spielt die stille Entzündung eine große Rolle, und der Darm ist ein wichtiger Mitspieler. Das passt zu dem, was du in der Folge zur Darm-Nieren-Achse gelesen hast, wo die Giftstoffe aus dem Darm den Muskelabbau mit antreiben.

Bei Verdauungs- und Bauchspeicheldrüsenproblemen. Wird das Eiweiß nicht richtig verdaut und aufgenommen, etwa bei einer Bauchspeicheldrüsenschwäche oder einer chronischen Darmerkrankung, fehlen den Muskeln die Bausteine. Das Tier magert ab und verliert Muskeln, obwohl es normal frisst.

Unterschiede zwischen Hund und Katze

Bei der Katze ist der Muskelabbau im Alter ein sehr bekanntes Thema. Ältere Katzen verlieren oft deutlich an Muskelmasse, man spürt es geradezu, wenn das Rückgrat und die Schulterblätter hervortreten. Da die Katze ein reiner Fleischfresser ist und viel hochwertiges Eiweiß braucht, ist eine gute Verdauung und Eiweißverwertung bei ihr besonders wichtig, um die Muskeln zu halten.

Beim Hund steht der Muskelabbau oft im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen des Herzens, der Nieren oder mit Tumorerkrankungen, wo der Körper stark Substanz verliert. Auch beim großen, alten Hund ist der schleichende Verlust der Hinterhandmuskulatur ein häufiges Thema, das Beweglichkeit und Lebensqualität kostet.

Die Rolle der Ernährung

Bei den Muskeln ist die Fütterung ein zentraler Hebel. Wichtig ist hochwertiges, gut verdauliches Eiweiß in ausreichender Menge, denn das liefert die Bausteine. Genauso wichtig ist eine gesunde Darmflora, die dieses Eiweiß gut verwertet und aus Ballaststoffen die schützende Buttersäure bildet. Gerade beim Senior gilt oft, dass er nicht weniger, sondern eher mehr hochwertiges Eiweiß braucht, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken, solange die Nieren gesund sind. Wie die Ration im Einzelfall aussieht, hängt vom Tier, vom Alter und von möglichen Erkrankungen ab und gehört individuell abgestimmt.

Diagnostik: Woran erkenne ich, dass diese Achse betroffen ist?

Hier arbeiten mehrere Bausteine zusammen.

Der Blick auf den Körper. Am wichtigsten ist die Beurteilung der Bemuskelung, der sogenannte Muskelzustand. Man ertastet, wie kräftig die Muskeln über Rücken, Schultern und Becken noch sind. Das sagt oft mehr als das reine Gewicht, denn ein Tier kann trotz Normalgewicht Muskeln verloren und Fett zugelegt haben.

Das Gewicht im Verlauf. Ein schleichender Gewichts- und Muskelverlust ist ein wichtiges Alarmzeichen.

Das Blutbild und die Organwerte. Sie helfen, eine zugrunde liegende Erkrankung wie ein Nieren- oder Herzproblem zu finden, die den Muskelabbau antreibt.

Der Blick auf Verdauung und Darm. Wird das Eiweiß gut verwertet, gibt es Zeichen einer Bauchspeicheldrüsenschwäche oder einer chronischen Darmerkrankung? Eine Kotflora-Analyse kann zeigen, ob die Darmflora aus dem Gleichgewicht ist.

Was die aktuelle Forschung sagt

Die Darm-Muskel-Achse ist ein sehr aktives Forschungsfeld. Ehrlich gesagt stammt auch hier die Forschung bisher vor allem aus der Humanmedizin und aus Modellen, die Grundprinzipien gelten aber für Säugetiere allgemein und damit auch für Hund und Katze.

Zahlreiche Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2024 bis 2026 bestätigen, dass die Darmflora über die Eiweißverwertung, über die Buttersäure und über die Entzündung die Muskelmasse und die Muskelkraft beeinflusst. Bei Menschen und Tieren mit ausgeprägtem Muskelabbau findet man eine weniger vielfältige Darmflora, und bestimmte gute Bakterien hängen mit besserer Muskelkraft zusammen.

Besonders spannend ist, dass sich in Modellen der Muskelabbau bremsen ließ, indem man die Darmflora unterstützte oder gezielt Buttersäure gab. Für Hund und Katze fehlt noch die breite Studienlage, aber die Botschaft für die Praxis ist klar: Wer die Muskeln erhalten will, sollte den Darm, die Eiweißverwertung und die Bewegung zusammen denken.

Häufige Fragen zur Darm-Muskel-Achse

Mein altes Tier baut Muskeln ab, obwohl es normal frisst. Woran kann das liegen?
Das ist ein typisches Zeichen dieser Achse. Wenn das Eiweiß schlecht verwertet wird oder eine stille Entzündung den Abbau antreibt, verliert das Tier trotz Futter an Muskeln. Hier lohnt es sich, Verdauung, Darm und mögliche Grunderkrankungen anzuschauen.

Soll ich meinem alten Tier mehr oder weniger Eiweiß geben?
Solange die Nieren gesund sind, braucht der Senior eher mehr hochwertiges Eiweiß, um die Muskeln zu halten. Bei einer Nierenerkrankung ist es aber ein empfindliches Gleichgewicht. Deshalb gehört das individuell abgestimmt und nicht pauschal entschieden.

Hilft Bewegung dabei?
Ja, sehr. Angemessene Bewegung erhält nicht nur die Muskeln direkt, sie fördert auch eine gesunde Darmflora. Darm und Muskeln unterstützen sich gegenseitig, deshalb ist regelmäßige, dem Alter angepasste Bewegung so wertvoll.

Kann eine Verdauungsstörung Muskeln kosten?
Ja. Wenn das Eiweiß nicht richtig verdaut und aufgenommen wird, etwa bei einer Bauchspeicheldrüsenschwäche, fehlen den Muskeln die Bausteine, und das Tier baut ab, obwohl es frisst.

Mein Fazit

Die Darm-Muskel-Achse zeigt, dass Kraft und Beweglichkeit im Bauch beginnen. Über die Verwertung von Eiweiß, über die Buttersäure als Energie und über die stille Entzündung entscheidet der Darm mit, ob die Muskeln kräftig bleiben oder abbauen. Für mich heißt das, gerade beim alten und beim chronisch kranken Tier immer auch den Darm, die Eiweißverwertung und die Bewegung mitzudenken. Denn starke Muskeln beginnen mit einem gesunden Darm.

Quellen

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